Klinik Lohrey

Theoretische und konzeptionelle Hintergründe unserer Arbeit


Die therapeutischen Konzepte des Gesundheitswesens basieren seit dem Descart'schen "Maschinenmodell der Organe" aus dem 17. Jahrhundert zumeist auf dem Denkparadigma, dass die Welt und damit der Mensch wie eine komplizierte Maschine funktioniert.

Tatsächlich scheinen alle Bestrebungen der medizinischen Wissenschaften darauf hinauszulaufen, durch ein noch genaueres Verständnis dieser "komplizierten Maschine Mensch", seine Einzelteile und deren Interaktionen noch besser zu verstehen, mit dem Ziel, diese schlussendlich ersetzen und damit dem Menschen zu ewiger Jugend und Gesundheit verhelfen zu können.

Die Wissenschaftler jagen damit einem Traum nach, der seit Menschengedenken geträumt wird - bei kritischer Betrachtung sind sie diesem Traum aber nur einen kleinen Schritt näher gekommen. Auch wenn sich die Lebenszeit des Menschen in den letzten drei Jahrhunderten tatsächlich stark verlängert hat und - vor allem in der chirurgischen Disziplin - viele an Wunder grenzende Fortschritte erzielt wurden, scheint die Summe des Leidens gleich geblieben. Die grossen "Geiseln der Menschheit" wie Krebs und Kreislaufkrankheiten sind unbesiegt. Neue Krankheiten wie Alzheimer, Aids, Creuzfeld Jacobs Disease usw. haben alte ersetzt und die als ausgerottet gefeierten Krankheiten wie Tuberkulose, Kinderlähmung oder Pocken feiern eine transformierte Renaissance.

Zudem machen sich erste Bumerangeffekte unreflektiert eingesetzter "Wunderwaffen" wie beispielsweise der Antibiotikatherapie bemerkbar und bedrohen zunehmend die Gesundheit des Menschen über eine Schwächung des Immunsystems. Viele, sogenannte iatrogene Krankheiten, Krankheiten, die durch die Behandlung ausgelöst wurden, sind die Folge von Therapien, die ursprünglich das Problem lösen sollten, es aber in Tat und Wahrheit verstärkten oder es gar erst hervorriefen.

In jüngster Zeit haben Systemwissenschaftler nachgewiesen, dass das lineare Denkparadigma von Ursache und Wirkung, weches - wie vorher beschrieben - gerade in der Medizin noch stark verankert ist, als Grundlage für das Verstehen des "Funktionierens" von Menschen nicht ausreicht, eben sogar zu Lösungen führt, die das eigentliche Problem verstärken. Menschen nämich, so die Wissenschaftler, gehören zu den sogenannten komplexen Systemen, deren Entwicklung einer nichtlinearen Dynamik unterliegt. Insgesamt unterscheiden die Systemwissenschaftler drei Arten von Systemen:

• Einfache Systeme, die nach dem Ursache -
  Wirkungsmechanismus funktionieren (Billard, Pendel)
• Komplizierte Systeme, die aus einer Vielzahl mechanisch gekoppelter Teile bestehen,
  deren Interaktion plan- und berechenbar sowie organisierbar ist (Maschinen)
• Komplexe Systeme schliesslich, deren Entwicklung sich durch eine nichtlineare
  Dynamik auszeichnen und deshalb weder berechenbar, noch organisierbar,
  noch planbar sind (Mensch, Wetter, Wirtschaft, Natur)

Einfache-, komplizierte- und komplexe Systeme unterscheiden sich in ihrem jeweiligen Verhalten beträchtlich: Das einfache System funktioniert nach dem Ursache - Wirkungsprinzip (das sich vor allem bei Managern und Ärzten - den "Managern der Gesundheit" nach wie vor grosser Beliebtheit erfreut), in dem ein bestehendes Problem oder ein Erfolgskonzept auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden kann.

In komplizierten Systemen dagegen können die Teile zwar eine hohe Interdependenz aufweisen, die in der Gesamtbetrachtung eine schier unfassbare Kompliziertheit darstellen, jedoch ist dieses System bei genügend detaillierter Betrachtung und genügendem Systemwissen planbar, berechenbar, in seine Einzelteile zerlegbar und wieder montierbar.

Komplizierte Systeme streben, wenn man sie sich selbst überlässt, der höchsten Unordnung entgegen - sie zerfallen in ihre molekularen Bestandteile. Eine detaillierte Betrachtung einzelner Subsysteme kann die Kompliziertheit des Gesamtsystems reduzieren.

Die komplexen Systeme hingegen stellen uns vor Herausforderungen ganz anderer Qualität: Sie sind nämlich weder plan- noch organisierbar; sie entziehen sich jeglicher präzisen Vorraussage und sind deshalb bezüglich ihrem Verhalten auch nicht berechenbar. Überlässt man komplexe Systeme sich selbst, reagieren sie mit Strukturbildung und bringen aus dem vermeintlichen Chaos durch neue Formen eine immer höhere Ordnung hervor.

Viele Mediziner und Therapeuten gehen mit dem linearen Denkparadigma einfacher und komplizierter Systeme ans Werk, wenn sie versuchen, die Probleme komplexer Systeme zu lösen. Das bedeutet, diese Mediziner und Therapeuten gehen davon aus, dass bei genügend intensivem Studium und genauester Betrachtung der Teile in immer kleineren Einheiten, die Problemlösungskompetenz erhöht wird. Angelehnt an die Kernaussagen der Heisenbergschen Unschärferelation führt jedoch diese detailliertere Betrachtung nur zu einer grösseren Unschärfe des Betrachtungsfokus und damit letztlich zu Lösungen, die das Probelm verstärken, oder wie die Systemwissenschaftler sagen, zu systemischen Rückkopplungs-effekten. Zudem kann das Beobachtete nicht unabhängig vom Beobachter existieren. Das Beobachtete ist also immer ein Stück weit vom Beobachter beeinflusst.

Ein klassisches Beispiel dafür aus der Medizin ist das sogenannte Weisskittelsyndrom; der Name für das Phänomen, dass allein die Messung des Blutdrucks durch den Arzt zu einer Veränderung des Blutdrucks des Patienten führt. Gemessen wird also nicht etwa der objektive Blutdruck des Patienten, sondern das Ergebnis des Zusammenspiels aus dem Blutdruck, der Erwartung des Patienten, der Interaktion mit dem Arzt und den kontextuellen Rahmenbedingungen.

Der von uns entwickelte Prozess der systemischen Rehabilitation - "SysRehab" - macht sich die Erkenntnisse der modernen Systemtheorie zunutze, die wir als Grundlage für unsere Entwicklungsarbeit einerseits an den vorher beschriebenen Eigenschaften der einzelnen Systeme und über diese an den folgenden fünf Hypothesen festmachen:

1.) Der Mensch ist ein komplexes System - die vorgenannten Eigenschaften komplexer
     Systeme treffen deshalb auf den Menschen zu;
2.) Der Mensch entwickelt ("organisiert") sich ständig und in Annäherung an
     systemspezifische Attraktoren eigenmotiviert und selbstorganisiert weiter;
     die systemspezifischen Attraktoren sind individuell und resultieren aus jeweils
     persönlichen Erfahrungsgeschichten und Realitäten;
3.) Als systemspezifische Attraktoren bezeichnen wir in diesem Zusammenhang die
     individuellen, zentralen Werte des Menschen und damit das, was dem jeweiligen
     Menschen zentral wichtig ist - ihm Sinn gibt;
4.) Das grundsätzliche Ziel jedes Menschen ist es, seine Fähigkeiten, sein Verhalten
     sowie seinen physikalischen und sozialen Kontext mit seinen zentralen Werten in
     Einklang zu bringen und damit ganzheitlich kongruent/aligned zu sein - auf dieses
     Ziel richtet sich die Entwicklung des Menschen aus;
5.) Der Zustand des Alignments ist gleichzusetzen mit dem Zustand der sozialen
     Integriertheit (Gleiches gilt u.E. auch für Gesundheit); damit ist soziale
     Integriertheit/ Gesundheit ein individueller und subjektiver Zustand.
     Dieser ist dann erreicht, wenn der jeweilige Mensch die Fähigkeiten und Möglichkeiten
     hat, sich in seinen Kontexten so zu verhalten, dass er seine individuellen Werte -
     das, was ihm zentral wichtig ist - lebt und so seinem Leben "Sinn gibt"
     (vgl. Abbildung "Pyramide der Neuro - logischen Ebenen");


Wie genau "SysRehab" dese Hypothesen repräsentiert, erfahren Sie wenn Sie die Seiten Das tun wir lesen.